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Gitarrenquartett in besonderer Besetzung

Neu: 23.05.17

Die Idee

Mit der vor Jahren geforderten und umgesetzten Anerkennung der Ensemblewertungen im Wettbewerb Jugend musiziert und den damit verbundenen neuen Chancen für eine Besetzungsvielfalt, haben auch die Ensembles für Gitarren (Gitarrenorchester) eine erfreuliche, wenn auch noch nicht befriedigende, aber noch ausbaufähige Entwicklung erfahren.

Gemeint sind – neben den traditionsreichen und oft von einer Leiterpersönlichkeit geprägten Ensembles – Neugründungen in Musikschulen, Vereinen und auch in der freien Szene.

Die publizierte Literatur wuchs parallel entsprechend der Bedeutung dieser neuen Zielgruppe bemerkenswert reichhaltig und die stilistische Vielfalt reicht inzwischen von Originalkompositionen und Bearbeitungen alter Meister bis hin zu Neu-Kompositionen und Arrangements aus dem Bereich populärer Musik. Der weitaus größte Teil dieser Werke liegt allerdings in der Besetzung für Primgitarren vor.

Hier gilt es künftig aufzupassen, damit neben dieser Standardbesetzung auch die interessante und historisch belegte Besetzungsvariante bzw. Erweiterung mit Oktav-, Terz-, Prim- und Quintbassgitarre (O.T.P.Q) nicht gänzlich in Vergessenheit gerät. Das unbestrittene Phänomen der klanglichen und stilistischen Universalität der Gitarre dürfte durch eine solche instrumentalpädagogische Kampagne sicher noch profitieren.

Wohin soll das führen, wenn wir uns in Unterricht und Konzertpraxis auch künftig nur an den zugegebenermaßen bequemen und im Basisunterricht üblichen Primgitarren orientieren?

Streicher würden beispielsweise niemals auf die Idee kommen, ihre große Kammermusik nur durch das Spielen mit gleichen Instrumenten zu realisieren, ohne Bratsche und ohne Cello. Für Holz- und Blechbläser gilt das Gleiche.

Nur die Oktavgitarren haben schon immer im Ensemble eine gewisse Rolle gespielt, allerdings oft mit der Erkenntnis, dass die hohe e'-Saite einen „nervenden“ Verschleiß hatte. Das Problem ist jedoch dank einer innovativen Entwicklung im Instrumentenbau und der Saitenfabrikation inzwischen gelöst. Aber wer geht den Schritt weiter und bereichert das Ensemble mit Terzgitarren oder einem Quintbass und setzt diese Instrumente kreativ und alternierend im Arrangement und in der eigenen Ensemblepraxis ein?

Dieser mutige Schritt in klangästhetisches Neuland wird die Gitarrenwelt sicher bereichern.

Die BDZ e.V. und die EGTA D e.V. begrüßen die Initiative zur Wiederentdeckung der Ensemblearbeit mit dieser historischen Besetzung.

Oktav-, Terz-, Prim- und Quintbassgitarre
O.T.P.Q - Gitarrenensemble


Die Geschichte

… ist schnell erzählt, wenn man sich auf den bedeutendsten Protagonisten der Ensemblebesetzung mit unterschiedlichen Gitarren beschränkt: Heinrich Albert und sein Münchner Gitarren Quartett. 1909 bis 1914 konzertierte dieses Ensemble erfolgreich mit Terz-, Prim- und Quintbassgitarre. Zwischen den beiden Weltkriegen formierte sich das Quartett neu unter anderem mit dem weltbekannten Gitarrenbauer Hermann Hauser I als neuem Primarius. Alberts Geist und Einfluss waren jedoch noch lange spürbar. Die Konzerttätigkeit des Quartetts wurde erst durch die politischen Veränderungen Anfang der Dreißiger Jahre verlangsamt und schließlich beendet.

Die Keimzelle dieser farbenreichen Quartett-Besetzung war natürlich die Lautenpraxis der Renaissance, in der bei mehr als zwei Spielern häufig mit unterschiedlich hoch gestimmten Lauten gespielt wurde. Seine Fortsetzung fand dies in der Duoliteratur des 19. Jahrhunderts vor allem aus den Federn von Anton Diabelli und Joseph Caspar Mertz. Die beiden Komponisten verwendeten fast immer die Terzgitarre für die erste Stimme.
Nach dem kriegsbedingtem Ende der O.T.P.Q-Entwicklung wurde diese Tradition in Deutschland allerdings mit wenigen Ausnahmen nicht mehr fortgesetzt. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vielleicht hat es etwas mit dem Wiederaufbau nach 1945 zu tun, in dem die Instrumentenbau-Industrie sicher nicht sofort wieder die ganze Palette an Instrumenten anbieten konnte, denn in den angrenzenden Ländern, die solche Probleme weniger ausgeprägt hatten, haben sich Spieltraditionen mit unterschiedlich gestimmten Gitarren halten bzw. entwickeln können.


Die Gegenwart

In Deutschland hielt die Tradition vor allem Bruno Hense in Berlin aufrecht, der mit seinem Gitarrenensemble konsequent die alte Tradition weiter betrieb. Leider hatte seine Arbeit weniger Ausstrahlung auf den Rest der Bundesrepublik als sie verdient hätte.
Die Gründung des Neuen Münchner Gitarrenensembles vor einigen Jahren passt aber gut ins Bild: auf Initiative von Andreas Stevens bemüht sich das Quartett, einerseits auf (originalen) Instrumenten des frühen 20. Jahrhunderts die Klangwelt des Heinrich Albert wieder zu erwecken und andererseits Komponisten für diese Besetzung neu zu gewinnen.

Seit zwei Jahren gibt es Unterstützung für die O.T.P.Q-Idee durch eine Artikelserie im „Auftakt“, der Fachzeitschrift des BDZ. Dieter Kreidler und Johannes Tappert haben sich zum Ziel gesetzt, durch regelmäßige Information der Entwicklung wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bisher sind drei Artikel erschienen:
- Auftakt 2/15: Johannes TappertNeue Impulse für das Ensemblespiel mit Gitarren – Einführung. Aufbruch in neue Klangdimensionen mit Oktav-, Terz- und Quintbassgitarre.
- Auftakt 4/15: Rainer Stelle100 Jahre musizieren mit Terz-, Prim- und Quintbassgitarre in Deutschland
- Auftakt 2/16: Andreas StevensNeue Klänge mit alten Instrumenten. Das Neue Münchner Gitarrenensemble, ein Klangkörper zwischen Rückblick und zeitgenössischer Musikschule

Die Reihe wird fortgesetzt.

1. Fortbildungsseminar für Ensembleleiter
in Jülich, 28./29. Oktober 2017


Die Zukunft

Der BDZ Nordrheinwestfalen hat dankenswerterweise die Anregungen aufgenommen und veranstaltet am 28./29.10.17 in Jülich das bundesweit erste Fortbildungsseminar für Ensembleleiter und interessierte Ensemblespieler. In diesem Workshop werden die Teilnehmer in Theorie und Praxis an diese neue (alte) Besetzungsvariante herangeführt.

Als Dozenten sind dabei
Dieter Kreidler, Volker Höh und Johannes Tappert.

Die Info und Anmeldung für das Fortbildungsseminares ist auf Anfrage als PDF erhältlich. Bitte per Email anfordern unter johannes@tappert.de

Sowohl die Instrumentenbau-Industrie, einige Gitarrenbaumeister, die Saitenmacher Industrie und ein Notenverlag sind voll in die Unterstützung der Idee eingestiegen. Im Oktober stehen für die praktische Arbeit sowohl mehrere Instrumentensätze, Saiten verschiedener Hersteller und etwa 10 Notenausgaben für die O.T.P.Q-Besetzung zur Verfügung.

Die Teilnehmer an dem Seminar können sich unter vielfältigen Aspekten über die reizvollen Möglichkeiten der neuen/alten Idee in Theorie und Praxis überzeugen. Zum Beispiel sind Bearbeitungen von Gitarre-Ensemblemusik für die neue Besetzung nicht nur farbiger im Klang, auch der Schwierigkeitsgrad sinkt deutlich, weil die einzelnen Stimmen weniger Lagenspiel erfordern. Neu erstellte Einrichtungen von Klavier-, Kammermusik- und Orchesterwerken sind möglich, die mit vier Primgitarren (die „normale“ Gitarre) nicht realisierbar wären. Usw.

Wir sind sicher, dass es uns gelingt die Teilnehmer von der O.T.P.Q-Klang- und Musizierpraktischen Vielfalt zu überzeugen.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme bei dieser Pionierveranstaltung zur Wiedergeburt einer – fast – vergessenen Tradition.


Dieter Kreidler und Johannes Tappert



Redaktion: Johannes Tappert